Man habe ihm schon Land- und Bundestagskandidaturen angeboten. Mit dieser Aussage wischt der Kieler Robert Cordes Mutmaßungen vom Tisch, er würde den Bürgermeisterposten der neuen Gemeinde Sylt als politisches oder berufliches Sprungbrett sehen. Er wünscht sich vielmehr „ein anderes Leben“.
Es wird so sein wie im September 2007. Als er mit Tochter Laura deren Möbel in einer Wohngemeinschaft in Friedrichshafen am Bodensee aufgebaut hatte und sich im leeren Auto auf den Heimweg nach Kiel machte. Da war Robert Cordes (52) froh, alleine zu sein: „Es war gut, dass ich eine Sonnenbrille aufsetzen konnte und mit niemandem reden musste.“ Zwar hätten seine Frau und er beide Kinder immer ermuntert, „in die Welt hinaus zu ziehen“, aber als sich die Tochter einen Studienort aussuchte, der mehr als 900 Kilometer von zu Hause entfernt war, hatte Cordes dann doch zu knapsen.
So ähnlich könnte es dem Bürgermeisterkandidaten auch gehen, wenn er Ende März zum neuen Verwaltungschef der Gemeinde Sylt gewählt würde. Denn dass der gebürtige Kieler Haus und Hof, Eltern und Schwester, seine Firma und eine gut funktionierende Nachbarschaft („Mit dem Sohn der Familie von nebenan habe ich schon mal beim Sylter Weihnachtsbaden mitgemacht“) ohne eine Träne im Knopfloch aufgeben würde, das glaubt niemand, der ihn je über seine Heimatstadt hat reden hören. Er war Hotelmanager in Hannover und Südafrika („Obwohl meine Eltern und Schwiegereltern weinend am Flughafen standen“), kehrte aber immer wieder nach Kiel zurück.
Warum strebt er jetzt einen erneuten Abschied an? Cordes grinst ein bisschen schief: „Wenn man nicht bereit ist, etwas los zu lassen, kommt man im Leben nicht weiter.“ Das gelte für die eigenen Kinder genauso wie für einen Wohnort. Besonders, wenn die Alternative so attraktiv sei wie Sylt: Flaches Land und richtige Brandung. Dazu die Vorstellung von einem anderen Leben. Als Berater für Hoteliers und Gastronomen fährt Cordes 50 bis 60 000 Kilometer im Jahr, steht, wenn ein Termin auf Usedom anliegt, morgens um vier Uhr auf und hat abends meistens auch noch irgendeine politische Sitzung. „Für meine Frau wäre es eine Umstellung, wenn wir nach Sylt kämen und ich schon durch die kürzeren Wege öfter zu Hause wäre.“ Ein bisschen mehr Zeit auch zum Joggen („seit 2002 jedes Jahr ein Marathon“), zum Zeitunglesen („Kieler Nachrichten, Wirtschaftswoche, mal den Spiegel – obwohl er meiner politischen Richtung nicht entspricht“), einfach nur zum Luftholen.
Ein bisschen vielleicht auch, um die letzte Kommunalwahl zu verarbeiten? Das vermuten Weggefährten aus Kiel. Sie loben Cordes’ Verlässlichkeit, sagen, er sei „menschlich einwandfrei“, „ein solider Arbeiter“, „sehr versiert“ und „umgänglich“. Aber dass seine Pläne für den Kieler Flughafenausbau („Er war das CDU-Gesicht für die Erweiterung“) scheiterten, sei für ihn eine herbe Enttäuschung gewesen. Dazu käme, dass seine Partei, deren Fraktionsvorsitzender er seit 2006 ist, bei der Wahl 2008 nach zuvor großen Zuwächsen satte 17 Prozent der Stimmen verlor. „Das könnte ihn frustriert haben.“ Cordes hält dagegen, dass man sich mit den in Kiel erforderlichen Haushaltskonsolidierungen „nun mal keine Freunde machen konnte“.
Vielleicht warf es bei ihm aber die Frage auf, wofür tue ich das alles? Warum führe ich ein eigenes Beratungsbüro und opfere rund 24 Stunden pro Woche für politische Ehrenämter? Weil, so sagt er, zu wenig Menschen mit wirtschaftlichem Sachverstand in der Politik sind.
Für den Bürgermeisterposten qualifiziere ihn, dass er politisch denken sowie kaufmännisch handeln könne und nach elf Jahren in der Ratsversammlung verwaltungserfahren sei.
Dass er sich engagiert, sich in eine Sache richtig „rein hängt“, das sieht man an seinem Wahlkampf: 400 Sylter Haushalte hat er bisher besucht, 1 000 sollen es bis zur Wahl noch werden. Er klingelt, stellt sich vor, fragt, wo der Schuh drückt („zu wenig Aktivitäten für Jugendliche, bezahlbarer ÖPNV, Seniorenbetreuung, fehlende Transparenz bei Entscheidungen, besonders im Baurecht…“) und wirbt um eine hohe Wahlbeteiligung sowie natürlich um Stimmen für sich. Kämpfen, das liege ihm. Und ausdauernd ist er als Marathonläufer sowieso. Schließlich habe er sich in diesem Jahr noch zu keinem Lauf angemeldet: „Stattdessen mache ich Wahlkampf.“
In Kiel heißt es, man merke, dass Cordes wirklich nach Sylt wolle: „Er scheint viel auf der Insel zu sein und sich um seine Kandidatur zu kümmern.“
Quelle Sylter Rundschau 12.03.2009